Die Katastrophe des Herzens: Die Wahrheit und das Gewicht von Riya (Teil 1)

Die Katastrophe des Herzens: Die Wahrheit und das Gewicht von Riya (Teil 1)

8. Apr. 2024

7 Min. Lesezeit

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Abdollah Saad

Von den schwerwiegendsten Sünden, die das Potential haben, die ganzen Taten eines Kindes Adams zunichtezumachen, ist die Augendienerei. Sie ist eine Krankheit des Herzens, die der Kranke oft nicht mal spürt. In einer Reihe von Artikeln verdeutlichen wir, was Riya ist, wie sich Riya im Leben bemerkbar macht und schließlich, wie man sich vor Riya schützen kann.

Als Grundlage wird das Buch von Imam Al-Ghazaali Ihya Ulum ad-Din (Wiederbelebung religiöser Wissenschaften) verwendet.1

Dieser Artikel behandelt die Wahrheit von Riya, das Gewicht am jüngsten Tag und was für eine Riya bei der Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Gott hat.

Was ist Riya

Das Wort Riya stammt von dem Wort Ru’ya, was Sicht bedeutet. Imam Al-Ghazaali beschreibt die Augendienerei (Riya) als Streben nach Status in den Herzen der Menschen durch das Zeigen guter Qualitäten. Riya streckt sich auf mehrere Gebiete aus, wobei die Materie entweder weltliches Gut oder Gottesdienste sein können. Die größte Gefahr bei Riya liegt bei den Gottesdiensten.

Konkret beinhaltet Riya‘ also das Beabsichtigen anderer Menschen mit den Gottesdiensten. Gottesdienste werden nicht mehr für die Zufriedenheit Allahs gemacht, sondern für die Zufriedenheit der Sklaven Allahs und den Status unter ihnen.

Ein typisches Beispiel ist die Verschönerung des Gebets. Wenn der Augendiener alleine ist, betet er vielleicht schnell, unkonzentriert, wendet sich ständig ab - aber wenn ihm jemand zuschaut, dann betet er langsamer, bleibt länger in der Niederwerwerfung und in der Vorbeugung, rezitiert besser etc.

Somit gibt sich der Diener bei seinen Gottesdiensten mehr Mühe, wenn ihn andere Menschen sehen, aber gibt sich weniger Mühe, wenn ihn nur Allah sieht.

Und das ist eine sehr gefährliche Angelegenheit.

Das Gewicht von Riya

Am jüngsten Tag ist die Augendienerei ein Grund dafür, dass die Taten eines Dieners zunichte gehen.

In einem Hadith sagte der Prophet ﷺ:

Das, was ich für euch am meisten fürchte, ist der kleinere Shirk (Polytheismus).

Man fragte Ihn: Und was ist der kleinere Shirk, oh Gesandter Allahs?

Er antwortete:

Die Scheinheiligkeit (Augendienerei)

Allah - Erhaben ist Er – spricht zu ihnen am jüngsten Tag, wenn er die Leute für ihre Taten belohnt:

Geht zu denen, für die ihr Riya (Augendienerei) betrieben habt und seht, ob ihr bei ihnen Belohnung findet.2

Dem Augendiener wird also die Belohnung von Allah swt enthalten, wobei an diesem Tag kein Mensch dem anderen etwas beitragen kann.

Und im Quran sagt Allah swt:

Gewiß, die Heuchler möchten Allah betrügen, doch ist Er es, der sie betrügt. Und wenn sie sich zum Gebet hinstellen, stellen sie sich schwerfällig hin, wobei sie von den Menschen gesehen werden wollen, und gedenken Allahs nur wenig; dazwischen hin und her schwankend - weder zu diesen noch zu jenen (gehörend). Und wen Allah in die Irre gehen läßt, für den wirst du keinen Weg finden. 3

An-Nisāʾ Ayah 142 - An-Nisāʾ, Ayah 143

In vielen weiteren Hadithen warnt der Propet ﷺ vor der Augendienerei und ihrem Gewicht am jüngsten Tag.

Was Riya vorallem so gefährlich macht, ist die Irrelevanz der geleisteten Taten. So ist egal, wie brilliant die Taten eines Menschens sind. Sind sie nicht für Allah, so wird Allah sie nicht belohnen - wie es im Hadith überliefert wird:

Allah - Erhaben ist Er - spricht:

Ich bin Derjenige, Der absolut keine Teilhaber benötigt. Wer etwas tut und Mir dabei jemanden beigesellt, den verwerfe Ich und mit ihm seine Vielgötterei.4

Und über die Absicht der Taten:

Gewiss, die Taten sind nur entsprechend der Absichten und jedem (Menschen) gebührt nur das, was er beabsichtigte.5

Wenn man also ein Gebet für die Augen eines Sklaven verschönert, kann man allgemein dafür mit keiner Belohnung von Allah swt rechnen

Um ein deutliches Bild über die Natur von Riya am jüngsten Tag zu erlangen, gibt es einen langen Hadith über die ersten drei Menschen, die am Tag des Gerichts verurteilt werden

Die ersten drei Menschen, die am Tag des Gerichts verurteilt werden

Ein Märtyrer auf dem Wege Allahs, ein Gelehrter und ein wohlhabender, reichlich spendender Mann stehen vor ihrem Gott, der mit ihnen abrechnet:

Er wird Allah vorgeführt, dann wird Allah ihm Seine Wohltaten wissen lassen und er wird dies auch bestätigen.

Dann wird Er ihn fragen: „Und was hast du dafür getan?“

Der Märtyrer sagt: „Ich kämpfte um Deinetwillen, bis ich getötet wurde.“

Der Gelehrte sagt: „Ich erwarb Wissen und lehrte es und studierte den Qur'an um Deinetwillen.“

Der Wohlhabende sagt: „Ich habe keinen Weg zum Spenden unterlassen, so wie Du es empfohlen hast.”

Allah antwortet jedem von ihnen und sagt:

„Gelogen hast du,

du hast gekämpft, damit man sagt, du bist tapfer

du hast gelernt, damit man sagt, du bist ein Gelehrter und du hast den Qur'an studiert, damit man sagt, du kennst ihn auswendig

du hast es getan (gespendet), damit man sagt, dass du großmütig bist.

Dies wurde auch gesagt. Dann wird befohlen, ihn mit dem Gesicht auf dem Boden zu schleifen und dann ins Feuer zu werfen."6

Dadurch ist nun klar geworden, wie wichtig die Aufrichtigkeit für Allah swt bei einer Tat ist. Genau wie Allah swt uns erschaffen hat und stets seine Gnade und sein Erbarmen schenkt, haben wir - zumindest in unseren Gottesdiensten - niemanden anderen zu beabsichtigen als Ihn. Anders würden wir einen gewaltigen Fehler in unserer Beziehung zu Allah führen, möge Allah uns davor bewahren.

Riya als Verspottung Allahs

Riya vertauscht die Stellenwerte von dem Erschaffer und der Erschaffung.

Die Augendiener dienen ihrem Gott, um Seiner Kreation zu gefallen. Sie geben also der Zufriedenheit ihres Gottes einen geringeren Stellenwert als der Zufriedenheit Seiner Sklaven und gleichzeitig verlangen sie von der Sklaven Ansehen und Respekt durch den Dienst ihres Gottes.

Das wendet nicht nur die Absicht des Gottesdienstes von dem Gott ab, sondern macht daraus den Sklaven den eigentlich Anbetungswürdigen. So dient der Augendiener nicht Allah, sondern dient den Sklaven Allahs durch die Anbetung Allahs.

Allah swt ist hier also in garkeiner Position eine angesehene Partei, sondern nur ein Weg zur Zufriedenheit eines bloßen Sklaven - möge uns Allah davor schützen.

Das Beispiel vom Diener und dem König

Um dieses Konzept zu verdeutlichen, gibt uns Imam Al-Ghazaali ein Beispiel von dem Diener eines Königs.

Dieser Diener dient dem König jeden Tag auf bester Art und zeigt ihm seine Loyalität und Entschlossenheit. Er macht das aber nicht für den König - er macht das, um von einem anderen Diener bemerkt und angesehen zu werden. Er verschönert seinen Dienst zum König, um bei einer ihm gleichgestellten Person aufzufallen. Aber wo liegt für ihn der Stellenwert des Königs?

In den Augen des Dieners ist der König hier gar nicht bemerkenswert. Der Diener denkt gar nicht daran, sich dem König zu nähern oder seinen Dienst dem König zu widmen. Nicht einmal an die Belohnung seines Königs oder einer Beförderung ist er interessiert. Er sieht den König bloß als Weg, etwas ganz anderes zu erreichen. Nämlich die Aufmerksamkeit eines seinesgleichen.

Und wie ist das jetzt, wenn statt einem bloßen König Allah in dieser Position ist?

  • Ist es keine Verspottung Allahs, den Gottesdienst für die Aufmerksamkeit Seiner Sklaven zu verwenden?
  • Ist es keine Verspottung Allahs, die Zufriedenheit Seiner Sklaven für wertvoller als Seine Zufriedenheit zu empfinden?
  • Ist es keine Verspottung Allahs, zu denken, ein bloßer Sklave könne einem mehr als Allah nutzen oder schaden?

In all dem Genannten verleugnet der Augendiener eine Eigenschaft Allahs - die Anbetungswürdigkeit und akkreditiert sie Seiner Erschaffung - und das ist Shirk, welcher sehr verborgen sein kann.

Fazit

Augendienerei ist in einigen Fällen eine Stufe von Shirk, vor der man sich stets Acht nehmen muss. Und die Auswirkungen dieser Art von Shirk ist ein zunichtemachen der Taten des Menschen, egal wie brilliant sie auch seien, denn der Augendiener betrachtet Allah swt nicht mehr als anbetungswürdig, sondern seine Sklaven - möge uns Allah davor bewahren.

Nachdem nun das schwere Gewicht des Riya bekannt wurde, ist zunächst wichtig, die Grenzen von Riya zu kennen und zu wissen, wie sich Riya - ob wir es bemerken oder nicht - in unseren Leben manifestiert.

In einem weiteren Artikel wird der Riya detaillierter erklärt. Nämlich werden die Säulen des Riya, seine Stufen - von den eindeutigen bis zu den verborgendsten - und schließlich Möglichkeiten, sich davor zu schützen verdeutlicht, um unsere Taten vor dem Zunichtegehen zu bewahren.

Möge uns Allah nicht von denjenigen sein, deren Taten am jüngsten Tag zunichtegehen.


Footnotes

  1. Ihya Ulum ad-Din: Drittes Viertel- Buch des Ansehens und des Riya
  2. Ahmad Kapitel 5/ Hadith Nr. 429
  3. An-Nisāʾ Ayah 142-143
  4. Riyad-us-Salihin Kapitel 288 Hadith 1616
  5. Sunan an-Nasa'i 3437
  6. Riyad-us-Salihin Kapitel 288 Hadith 1617

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