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Die höchste Stufe des Glaubens: Ihsan und seine Erreichung

Die höchste Stufe des Glaubens: Ihsan und seine Erreichung

Was es bedeutet, Allahs ständige Chancen zu erkennen und ergreifen, um 'La ilaha illa Allah' praktisch zu manifestieren und unter den Sabiqun zu werden

von Abdollah Saad
23. April 2024

Allah ﷻ gibt seinen Dienern ständig Chancen, Gutes zu tun. Diese Chancen können verschiedenste Formen annehmen. Er kann den Diener zu etwas Gutem ermöglichen, sein Gewissen aufwecken oder sogar eine gute Tat die valide Option in einer Situation machen.

Ein Hindernis im Weg zu bemerken, an einer bedürftigen Person an der Straße vorbeizugehen oder mit vermeidbaren Dhulm (Überschreitung) konfrontiert zu sein und vieles mehr sind alles Gelegenheiten, graduell seine Beziehung zu Allah ﷻ zu verbessern und sich Ihm rasant zu nähern.

Dieser Artikel befasst sich damit, wie man mit dem Ruf zu gutem umzugehen hat, die Wichtigkeit dieser Chancen zu erfassen und wie sehr es sich lohnt, auch die kleinsten Taten für Allah ﷻ zu machen.

Chancen erkennen

Die erste Herausforderung liegt hier bei dem Erkennen der Chancen. Oft ist man mit großen Gelegenheiten konfrontiert, sich seinem Erschaffer zu nähern, bemerkt dies aber nicht. Auch wenn sich eine Abkürzung auf dem Weg zur Zufriedenheit Allahs ﷻ öffnen möge, ist es nicht selbstverständlich, dass der Mensch sie sieht.

Hier ist religiöses Wissen besonders wichtig. Es ist nämlich genau islamisches Wissen - Wissen über Allah, Sein Buch, die Lehren Seines Propheten ﷺ und den ersten Generationen, welches diese Abkürzungen sichtbar macht und den Schleier von Ignoranz und Unwissenheit von ihnen abwendet.

Womit man sich Allah ﷻ nähert

Es ist enorm wichtig zu wissen, wie man Allah ﷻ näherkommen kann. In erster Linie sind es die Pflichten, die wir aufrecht zu halten haben (alles, was Fard ist). Das ist auch das Wichtigste, um sich Allah ﷻ zu nähern.

Es ist jedoch nicht alles.

In einem heiligen Hadith sagt Allah ﷻ:

Mein Diener nähert sich Mir nicht mit etwas, das Ich mehr liebe als das, was Ich ihm zur Pflicht auferlegt habe. Mein Diener fährt fort, sich Mir durch zusätzliche Frömmigkeit zu nähern, bis Ich ihn liebe. Und wenn Ich ihn liebe, bin Ich sein Gehör, mit dem er hört, sein Sehvermögen, mit dem er sieht, seine Hand, mit der er zupackt, und sein Fuß, mit dem er geht. Wenn er Mich bittet, werde Ich gewiss erfüllen, und wenn er Mich um Beistand bittet, werde Ich ihm gewiss Zuflucht gewähren.1

Allahu Akbar.

Chancen ergreifen

Nachdem man eine Chance erkannt hat, ist die nächste Herausforderung, diese Chance zu nutzen. Dieser Zeitpunkt, nachdem man die Gelegenheit erkannt hat, hat auch einen signifikanten Einfluss auf den Weg, den man zu seinem Erschaffer einschlägt.

Chancen zu nutzen und liegen zu lassen macht für den Diener einen Unterschied wie der Unterschied zwischen den Himmeln und der Erde.

Immerhin ist genau das - unsere tatsächliche Bereitschaft, Gutes zu tun, wenn es vor uns ist - was unseren Glauben wirklich und praktisch testet.

Wie wir ‚La ilaha illa Allah‘ in unserem Leben implementieren, spiegelt unsere Ehrlichkeit in dieser Aussage wider. ‚La ilaha illa Allah‘ ist zwar eine eiserne Wahrheit, aber nicht jeder, der es sagt, ist auch ehrlich darin.

‚La ilaha illa Allah’ manifestieren

Der erste Schritt davon, dieses Bekenntnis zu manifestieren, ist natürlich, die verpflichteten Gebote und Verbote von Allah ﷻ einzuhalten.

Das ist auch an sich völlig ausreichend. Der Prophet ﷺ sagt auch in dem Hadith, wo ein Beduine zu Ihm eintrat und ihn über den Islam fragte:

"Fünf Gebete täglich." Er fragte: Muss ich mehr Gebete verrichten? Der Prophet ﷺ erwiderte: "Nein, es sei denn, du würdest freiwillige Gebete dazu verrichten." Dann sagte Allahs Gesandter ﷺ: "Und das Fasten des Monats Ramadan." Er fragte: Muss ich noch mehr fasten? Der Prophet ﷺ erwiderte: "Nein, es sei denn, du würdest freiwillig mehr fasten." Dann erwähnte der Prophet ﷺ die gesetzliche Zakat-Abgabe, da fragte er: Muss ich mehr als das bezahlen? Der Prophet ﷺ sagte: "Nein, es sei denn, du würdest freiwillig mehr spenden." Da kehrte er den Rücken, während er sagte: Bei Allah, ich werde weder mehr noch weniger als dies verrichten. Da sprach Allahs Gesandter ﷺ: "Bei Allah, Erfolg wird ihn krönen, falls er es erfüllen sollte."2

Es geht jedoch noch weiter, man kann sich Allah ﷻ noch mehr nähern, nämlich in dem man zu den Gelegenheiten eilt, Gutes zu tun. So finden wir, dass die Sahaba der höchsten Rangstufen immer genau das gemacht haben - geeilt zur Zufriedenheit von Allah ﷻ.

Und beeilt euch um Vergebung von eurem Herrn und (um) einen (Paradies)garten, dessen Breite (wie) die Himmel und die Erde ist. Er ist für die Gottesfürchtigen bereitet3

Sie haben keine Chance gelassen, ihren Gott zufriedenzustellen, keinen Ruf vom Propheten ﷺ gehört, ohne dass sie in Eile darauf reagiert haben. Und das hat sie in Wahrheit zu dem gemacht, was sie wurden.

Beispielhafte Vorläufer, die Sahaba

Vorläufer, Vorausgeeilte, bzw. Sabiqun sind jene, die zu den Gelegenheiten, Gutes zu tun in dieser Welt als aller erstes eilen. Sie sind auch diejenigen, die Allah ﷻ im Quran beschreibt:

Und die Vorausgeeilten, ja die Vorausgeeilten,das sind diejenigen, die (Allah) nahegestellt sein werden,4

Beispiele von ihnen haben wir von den Sahaba. Die Sahaba haben jedoch bei der Jahiliya angefangen, und sich erst aufarbeiten müssen, bis sie die beste Generation wurden. Einige waren von Natur aus näher zum Islam, andere viel näher zur Jahiliya, und aus beiden wurden Vorläufer im Islam.

Ein Khalid Ibn Al Walid, ein Abu Sufiyan, ein Ikramah ibn Abi Jahl, eine Hind bint Utbah, selbst Umar Ibn Al Khattab und viele mehr waren einst in der Jahiliya Menschen, dessen Erwähnung allein durch ihre Missetaten einen unglücklich gemacht hat. Gegen Ende Ihres Lebens aber erwähnen wir ihre Namen nicht, ohne dass wir Allah ﷻ um Seine Zufriedenheit für sie bitten und sie als Vorbilder sehen, in deren Fußstapfen wir nicht einmal wirklich folgen können.

Genau dadurch, dass sie konsistent blieben und alle Gelegenheiten ausnutzten; dadurch, dass sie stets zu den Befehlen und zu den Rufen des Propheten ﷺ reagierten, konnten sie von den Dunkelheiten der Jahiliya zu dem Licht von Allahs Zufriedenheit gelangen.

Und daraus kann man sich wichtige Anwendungen herleiten.

Wie man mit Gelegenheiten umgeht

Um sich weiter Allah ﷻ zu nähern, muss man stets bereit sein, auf den Aufruf zu Gutem zu reagieren, in welcher Form er auch immer sei. Es hat aber auch einen großen Einfluss, wie schnell man reagiert. Das spiegelt nämlich wider, wie ehrgeizig man tatsächlich ist. Zögert man und schleppt sich mit Anstrengung zum Guten oder eilt man direkt zur Gelegenheit?

Hier ist besonders wichtig, sich selbst zu beobachten und zu kritisieren, damit man feststellen kann, wo man sich im Glauben gerade tatsächlich befindet - ob es ein halbherziger Glaube ist, der sich für weltliche Angelegenheiten besorgt, wenn auf der anderen Waagschale die Zufriedenheit Allahs ist - oder - ob es ein ehrlicher Glaube ist, aus dem sich tatsächlich im Leben des Menschen Aktionen manifestieren.

Jetzt stellt sich die Frage, wie man die Stufe erreichen kann, in der man auf Chancen, Gutes zu tun, ohne zu zögern reagiert.

Die höchste Stufe des Glaubens

Nun kann es sein, dass der Muslim mit einer Gelegenheit konfrontiert ist und weiß, dass es richtig ist, diese zu nutzen, sich aber trotzdem nicht sieht, wie er rechtzeitig das Richtige tut.

Wie kann man daran arbeiten?

Um ein Vorläufer zur Zufriedenheit Allahs zu werden, ist mehr als das Aufrechthalten der Pflichten gegenüber Allah ﷻ notwendig. Der Muslim muss Allah ﷻ im alltäglichen Leben miteinbeziehen. Die Zufriedenheit Allahs muss ein Bestandteil aller Aspekte in seinem Leben sein. Das beinhaltet alles, von Arbeitsleben bis zur Familie, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht und alles weitere.

Das ist besonders wichtig, da die Möglichkeiten, Gutes zu tun, oft abseits des Gebetsteppichs und der Moschee vorkommen. Diese sind jedoch wiederum die beste Gelegenheit, diese Bereitschaft zu trainieren.

Unser ständiges Gebet hilft uns dabei, ehrlicher in unserem Glauben zu sein. Man gewöhnt sich regelmäßig an das Gedenken Allahs, auf eine Weise, die höchste Disziplin verlangt. Die wahrscheinlich reinste Fitra, die der Mensch haben kann, hat er, während er betet - schließlich stellt er sich vor seinem Gott. Das ist auch wahr für andere Gottesdienste.

Und wenn man vor seinem Gott steht, wie kann man absichtlich Seinen Zorn gewinnen? Allein im Gebet, was für Sünden will man bitte während des Gebets machen?

Die große Herausforderung liegt dabei, die Fitra, die man während den Gottesdiensten hat, ins echte Leben zu übertragen. Immerhin ist man nicht nur während des Gebets vor seinem Erschaffer, sondern sein ganzes Leben lang.

Somit ist die höchste Stufe des Glaubens der Ihsan. Der Ihsan lässt sich folgendermaßen beschreiben:

Allah ﷻ zu dienen, als würdest du Ihn sehen, und wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er dich.

Das ist die Stufe, in der wir alle unseren Erschaffer treffen wollen.

Kann aber wirklich jeder diese Stufe erreichen?

Die höheren Stufen des Glaubens erreichen

Die Stufe des Ihsan erreicht man nicht übernacht. Eben Schritt für Schritt erreicht der Muslim die Stufe des Iman und eben Schritt für Schritt erreicht der Mu’min die Stufe des Ihsan.

Diese Schritte müssen auch nicht besonders groß sein. Es ist bloß wichtig, dass sie ehrlich und aufrichtig sind. Immerhin sind es nicht deine Schritte, die dich näher zu Allah ﷻ bringen, sondern es sind die Schritte, die dir Allah ﷻ entgegen macht, die dich zu Ihm näherbringen.

In einem heiligen Hadith sagt Allah ﷻ immerhin:

Wenn sich einer Meiner Diener Mir eine Spanne nähert, komme Ich ihm eine Elle entgegen. Nähert er sich Mir eine Elle, komme Ich ihm die Weite seiner ausgestreckten Arme entgegen. Und wenn er zu Mir gehend kommt, laufe Ich ihm entgegen.5

Um also die höheren Stufen des Glaubens zu erreichen, muss man Allah ﷻ konsistent näherkommen, wenn auch nur um eine Spanne. Der Schritt muss nur aufrichtig genug sein, sodass dir Allah ﷻ entgegenkommt - und sobald dir Allah ﷻ entgegenkommt, ist deine Nafs mehr geneigt dazu, Allah ﷻ um noch einen Schritt näherzukommen - und so nähert sich Allah ﷻ wiederum weiter zu dir - und es wiederholt sich.

Diese Kette von Annäherung zu Allah ﷻ ist es, wie ein Muslim zu einem Muhsin wird.

Daher ist es unglaublich wichtig, alle Chancen, die dir Allah ﷻ gibt, auszunutzen. Denn so gibst du Allah ﷻ einen Grund, dir entgegenzulaufen.

Es ist auch nicht wichtig, wie schwer diese Tat wiegt. Immerhin ist es Allah ﷻ, der die meiste Distanz zwischen dir und Ihm klärt. Ein gravierender Fehler ist, gute Taten liegen zu lassen, weil man sie als klein betrachtet. Immerhin ist es jedoch genau Allah ﷻ, der dadurch erfreut ist, dass sein Diener Ihm näherkommt, auch wenn nur um eine Spanne.

Fazit

Sei es ein Hindernis auf der Straße, welches man bemerkt und somit entfernt; eine bettelnde Person zu sehen und somit ihr Almosen zu geben; auf einen Dhulm (Überschreitung) zu stoßen und diesen somit zu berichtigen; in einer Situation zu sein, wo es unpraktischer sein mag, sich an seine Religion zu halten, es jedoch trotzdem zu tun:

Zu beginnen, diese Gelegenheiten zu nutzen, klein oder groß, entwickelt im Muslim Wahrheit im Bezug zu den Worten ‚La ilaha illa Allah‘ und bringt ihn seinem Gott näher - auf eine Weise, die im Herzen keine blinden Flecken lässt.

Blinde Flecken, die ihn zurückziehen oder davon abhalten, unter den Vorläufern zu sein - welche anhand der Anziehungskraft ihrer Fitra zu den Gelegenheiten eilen, Gutes zu tun - auf eine Weise, die, inshallah, zufriedenstellend für Allah ist und uns, inshallah, von den Vorläufern - den Sabiqun - am jüngsten Tag macht.


Footnotes

  1. Riyad-us-Salihin 95
  2. Riyad-us-Salihin 1207
  3. Āli-ʿImrān, Ayah 133
  4. Al-Wāqiʿah, Ayah 10-11
  5. Riyad-us-Salihin 96

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