Uni Wien Umfrage: 78 Prozent gegen Österreichs bedingungslose Unterstützung Israels

Uni Wien Umfrage: 78 Prozent gegen Österreichs bedingungslose Unterstützung Israels

3. Juni 2024

4 Min. Lesezeit

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Abdullah Al-Mukhlis

In Wien studieren rund 200.000 Personen. Das sind 10 Prozent der Bevölkerung. Die meisten davon – 85.000 Studierende – sind an der Hauptuniversität inskribiert, welche oft als der Wissensmotor der Stadt bezeichnet wird.

Weitere 75.000 Personen studieren an anderen öffentlichen Universitäten, wie etwa an der Technischen Universität Wien mit 25.000 Studierenden, der Wirtschaftsuniversität mit über 21.000, der Medizinischen Universität mit 7.500 und der Universität für angewandte Kunst mit fast 2.000.

Hochschulenvielfalt

Öffentliche Universitäten sind jedoch nicht die einzige Möglichkeit einer Hochschulbildung. Über 8.000 Personen studieren an Privatuniversitäten in Wien. Darüber hinaus sind fast 20.000 an Fachhochschulen eingeschrieben und 6.800 an pädagogischen Hochschulen.

Schlüsselkompetenzen

Was Studierende aller Fachrichtungen und Hochschulen gemeinsam haben, ist, dass sie Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind.

Im Zentrum der Kompetenzen, die sich Studierende im Laufe ihrer akademischen Laufbahn erwerben, stehen die Problemlösungsfähigkeit und das kritische Denken. Denn Studierende sind schließlich nicht nur Teil der Akademie, sondern der ganzen Welt. Sie sind sowohl hierzulande als auch international mit diversen Ereignissen und Problematiken konfrontiert.

Studierende in einem interaktiven Umfeld

Für Studierende in einem interaktiven Umfeld ist es wesentlich, sich mit lokalen sowie globalen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Sie sind nicht nur passive Zuschauer politischer oder sozialer Entwicklungen. Vielmehr sind sie wichtige Teilnehmer, Mitgestalter des Alltags und kritische Denker. Ihre Stimme hat Einfluss und ihre Ansichten sind bedeutend.

In diesem Sinne haben wir – nimsa.at – eine Online-Umfrage durchgeführt, um die Stimme der Studierenden in Wien bezüglich eines brennenden Themas zu erfassen.

Allgemein ging es hierbei um ihren prinzipiellen Standpunkt zur seit 1948 andauernden militärischen Besatzung Palästinas durch israelische Streitkräfte. Ferner wurden einige retrospektive Fragen beantwortet in Bezug auf die Eskalierung der Kriegslage in den letzten acht Monaten.

Repräsentativität

Vorweg muss festgelegt werden, dass die Umfrage aus einigen Gründen keinen repräsentativen Charakter für die Studierenden der Universität Wien besitzt.

  • Einerseits nahmen lediglich 424 Studierende (im Vergleich zu den zuvor erwähnten 85.000 Studierenden insgesamt) teil, davon 7 aus der Medizinischen Universität.
  • Andererseits sind nicht alle Studienrichtungen der Universität Wien in der Umfrage gleichmäßig vertreten, wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass 34 Prozent aller Teilnehmenden Lehramtsstudenten sind.

  • Merklich ist zudem, dass Muslime 29,2% der Teilnehmer ausmachen, wobei den Studenten freistand teilzunehmen oder nicht, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Dies unterstreicht vermutlich die besondere Bedeutsamkeit des Themas für muslimische Studierende.

Ergebnisse

Teil 1: Uni Wien Umfrage: Israel-Palästina (2024)

Grundrechte

Die Aussage mit der höchsten Zustimmungsrate, nämlich 89,9 Prozent, besagt, dass Palästinenser das Recht auf würdevolles und freies Leben in ihrem Land haben. Auffällig ist jedoch, dass sich manche Studierende bei diesem grundlegenden Menschenrecht der Palästinenser unsicher sind bzw. dieses Recht nicht anerkennen.

Genozid-Bezeichnung

Ob sich jemals ein Völkermord in Palästina ereignete bzw. ob sich dergleichen momentan ereignet, ist wiederum strittiger, mit nur drei Viertel der Teilnehmenden in Übereinstimmung mit der Aussage.

Religion

Auch religionsspezifische Fragen wurden gestellt, nämlich an muslimische, nicht-muslimische und jüdische Studierende. Nur 36 Prozent der jüdischen Studierenden gaben an, Israels Regierungen und ihre Handlungen zu unterstützen.

Bezüglich der Muslime und ihrer Religiosität infolge der Eskalierung ist ein merklicher positiver Trend von über 71 % festzustellen. Darüber hinaus ist zu bemerken, dass das Interesse für den Islam gestiegen ist, nämlich bei ca. 20 % der Nicht-Muslime seit der Eskalierung am 7. Oktober.

Teil 2: Uni Wien Umfrage: Israel-Palästina (2024)

Medien und Politik

Im Rahmen der Eskalierung in den letzten acht Monaten spielten Medien nicht nur in Österreich, sondern weltweit eine maßgebliche Rolle für das Verständnis der Lage im Gazastreifen. Studierende in Wien sprechen aber von schwerwiegenden Defiziten seitens etablierter österreichischer Zeitschriften. Mehr als die Hälfte der Studierenden spricht von Informationsmängeln oder fehlender Neutralität.

Interessant ist die Korrelation zwischen der Angabe, neutral und vollständig durch die etablierten österreichischen Medien informiert zu sein, und weiteren Angaben, die auf eine pro-israelische Haltung hinweisen. Genauso umgekehrt.

Politische Entscheidungsträger und ihre Verantwortung, das Interesse ihres Landes zu vertreten, scheinen ebenfalls Ursache von Unzufriedenheit der Wiener Studierenden zu sein: 78 % opponieren gegen Österreichs bedingungslose Unterstützung des Besatzungsstaates.

Kritik und Antizionismus

Meinungsunterdrückung und politisch induzierte Schweigsamkeit haben keinen Platz in einer demokratischen Gesellschaft. Trotzdem sind zwei Drittel der Studierenden der Meinung, dass sowohl die Universität Wien als auch die österreichische Hochschülerinnenschaft (ÖH) einfach ausgedrückt zu wenig sagen. Die beiden Institutionen werden aufgefordert, die Handlungen der Besatzungsregierung öffentlich zu verurteilen.

Eine solche antizionistische Kritik sei keinesfalls mit Antisemitimus gleichzusetzen. Zwischen Antizionismus und Antisemitismus unterschiedet die überwiegende Mehrheit der Studierenden, 83 %.

Gesamtblick

Ein Gesamtblick auf die Ergebnisse der Umfrage bringt einige abschließenden Punkte zum Vorschein.

Welche Haltung haben die Studierenden, die nicht an der Umfrage teilnahmen? Würden es ähnliche Tendenzen geben? Und würde man erneut bei der prinzipiellen Frage nach dem Recht auf Leben eine weitere Aberkennung von Grundrechten beobachten? Wenn ja, droht eine Dehumanisierung der palästinensischen Bevölkerung?

Zur Info:

Die Umfrageergebnisse und die Bilder dazu darf jeder verwenden, solange die Quelle dazu angegeben wird.

Diese Umfrage wurde von uns – nimsa.at – durchgeführt, nicht von der Universität Wien.

Quellenangaben

Studierende an Hochschulen in Wien nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht im Wintersemester 2021/22 - Offizielle Statistik der Stadt Wien. (o. D.). Link Universität Wien. (2023). Universität Wien in Zahlen & Fakten. Link


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