Die ganze Welt schaut Rafah zu

Die ganze Welt schaut Rafah zu

16. Mai 2024

4 Min. Lesezeit

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Abdullah Al-Mukhlis

Erster Evakuierungsbefehl

5 Tage nach der Hamas-Operation Al-Aqsa-Flut erteilten die israelischen Besatzungsstreiftkräfte einen Evakuierungsbefehl. Dieser galt für 1,1 Millionen palästinensische Zivilisten im Norden des Gazastreifens, zu denen hospitalisierte und weitere ortsfeste Unschuldige zählten.

Etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung Gazas sollte sich innerhalb von 24 Stunden auf den Weg in den Süden machen. Dies sei keinesfalls eine Zwangsvertreibung, meinte die Besatzung, sondern ein humanitärer und solidarischer Aufruf im Interesse der Zivilbevölkerung. Folgende Worte verkündete sie am Abend des 12. Oktober:

“Zivilisten der Gaza-Stadt, evakuieren Sie in den Süden zu Ihrer eigenen Sicherheit und zur Sicherheit Ihrer Familien und distanzieren Sie sich von den Hamas-Terroristen, die Sie als menschliche Schutzschilde benutzen.”

Gaza

Reaktion von UN-Generalsekretär Guterres

Nicht besonders beeindruckt war der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, welcher sich dazu folgendermaßen äußerte. So ein kurzfristiger und umfassender Befehl sei “gefährlich” und “zutiefst besorgniserregend”.

Die Al-Aqsa-Flut Operation der Hamas sei laut Guterres keine Rechtfertigung dafür, eine “Kollektivstrafe des palästinensischen Volkes” auszuüben.

Ferner fügte er hinzu, dass jegliche Forderungen einer “extrem kurzfristigen Massenevakuierung” zu “verheerenden humanitären Folgen” führen können.

Dringender Appell

Letztendlich appellierte der Generalsekretär an die Besatzungsmacht, ihren Befehl zu “überdenken”. Dies begründete er damit, dass der Befehl für ein “bereits belagertes” Gebiet gilt, welches “unter Luftangriffen steht und mit Treibstoffen, Strom, Wasser und Lebensmittel nicht versorgt ist.”

Zusätzlich fügte Guterres hinzu, dass das nördliche Gebiet “in der vergangenen Woche kritische Schäden an Straßen und Infrastruktur erlitt.” In Anbetracht dieser Umstände sei eine Evakuierung wie befohlen “fast unmöglich”.

Antonio Guterres

Direkte Konsequenzen

Weniger als eine Woche nach Erteilung des 24-stündigen Evakuierungsbefehls flohen über einer halben Million Palästinenser aus dem Norden in den Süden. Unzählige weitere schafften es jedoch nicht, innerhalb der Frist den Norden zu verlassen und blieben dort fest.

Familien, welche die Evakuierungszone tatsächlich verlassen konnten, hatten aber nicht unbedingt höhere Überlebenschancen.

Erfahrungsbericht aus dem Süden

Aaed Al-Ajrami, ein palästinensischer Zivilist, folgte dem Befehl der Besatzungsstreitkräfte in der Hoffnung auf Sicherheit und ging in den Süden mit seiner Familie. Sie kamen in Deir Al Balah an – eine Stadt ungefähr 15 Kilometer südlich der Gaza-Stadt und somit außerhalb der Evakuierungszone.

Am nächsten Tag demolierte ein israelischer Luftschlag das Gebäude, in dem Al-Ajrami und seine Familie Zuflucht suchten. Dabei wurden er und 12 weitere Mitglieder seiner Familie, einschließlich sieben Kindern, getötet.

Binnenvertreibung ohne Präzedenzfall

Über sieben Monate später kommt die Zahl der zwangsvertriebenen Palästinenser auf fast zwei Millionen. Sie sind im Süden Gazas ohne Wohnort, Lebensmittel, Gesundheitsversorgung und sind noch dichter besiedelt als je zuvor.

Rafah, die südlichste Stadt des Gazastreifens an der ägyptischen Grenze erlebte in den letzten Monaten einen Vertriebenenansturm in noch nie gekanntem Ausmaß. Als Resultat ist die 64 Quadratmeter große Stadt nun von über 1,4 Millionen sicherheitsuchenden Palästinensern besiedelt, wovon die Hälfte Kinder sind.

Rafah angegriffen

Im Laufe des Krieges galt die Stadt als humanitäre rote Linie. Am vorigen Montag griff sie aber der Premierminister des Besatzungsstaates Benjamin Netanjahu trotz internationaler Erwiderung an.

Seither werden Zivilisten täglich bombardiert und getötet. Es flohen schon seit Beginn des Angriffes laut dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) über 150.000 Palästinenser aus dem zuvor als sicher versprochenen Gebiet.

Die Sicherheitsfrage

Sind aber die aus Rafah erneut vertriebenen Familien nun in Sicherheit? Oder wiederholt sich der Vorfall von Familie Al-Ajrami?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine humanitäre Zone im Gazastreifen gibt. Denn es leben noch über einer Million Zivilisten in Rafah, die eigentlich aus Sicherheitsgründen dort sind und nun eine vollumfängliche Offensive der Besatzungsstreitkräfte erleben. Wo müssen sie hin, um zur Sicherheit zu kommen?

Literatur

Crisis in the occupied Palestinian territory: in: United Nations Population Fund, o. D., Link

Dpr: Why Israel Must Reconsider Its Gaza Evacuation Order - UN Secretary-General, New York Times Op-Ed - Question of Palestine, in: Question Of Palestine, 16.10.2023, Link

Loh, Matthew: Israel has given a 24-hour deadline for everyone — more than 1.1 million people — to get out of northern Gaza, UN says, in: Business Insider, 13.10.2023, Link

Middle East Monitor: When war strikes the innocent, in: Middle East Monitor, 16.10.2023, Link

THE ASSOCIATED PRESS: More than 100,000 flee Rafah as fighting breaks out: Israel-Hamas updates | AP News, in: AP News, 10.05.2024, Link

UN agency says 150,000 Palestinians have fled Rafah: o. D., Link

Bilder

António Guterres: the Socialist UN Secretary General: in: Atlas Lisboa, 22.03.2022, Link

Haddad, Mohammed: The Gaza Strip explained in maps, in: Al Jazeera, 09.10.2023, Link

Kirk, Ashley/Harvey Symons/Paul Scruton/Elena Morresi: How Gaza’s ‘safe’ city Rafah came to be on the precipice of catastrophe – visualised, in: The Guardian, 19.02.2024, Link


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